Theaterstück "ICH ERRINNERE MICH GENAU"

09.10.2015

Theater ohne Klischee und Klamauk – berührend und ehrlich.

Das Thema Demenz auf der Bühne des Martin-Luther-Gemeindehauses in Tettnang.

Tettnang (gp) – 1,3 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Demenz. 720 000  von ihnen leben zu Hause, zumeist von Angehörigen gepflegt. Und  ihre Zahl nimmt ständig zu, Tribut an die steigende Lebenserwartung. Gott sei Dank ist das Thema Demenz wenigstens aus dem Tabu heraus; auch dank der Veröffentlichung von Schicksalen Prominenter oder dank Kino-Filmen wie „Honig im Kopf“ mit Didi Hallervorden, der ein Kassenschlager wurde, „aber die Grenze zum Klamauk teilweise überschritt“, wie eine Theaterbesucherin meinte, die von Beruf Altenpflegerin ist. Der in diesen Tagen begangene Weltalzheimertag soll Gesellschaft und Politik für das Thema  sensibel machen.

Dazu wollten der Hospizverein Tettnang, die Lebensräume Jung und Alt, die Kirchliche Sozialstation und das Pflegeheim St. Johann gemeinsam einen Beitrag leisten und hatten sich mit dem Zwei-Personen-Theater „Ich erinnere mich genau“ von Brian Lausund etwas ganz Besonderes vorgenommen. Hospizkoordinator Konrad Fluhr konnte über 100 Zuschauer im Martin-Luther-Gemeindehaus begrüßen. Alle waren in irgendeiner Weise Betroffene, als Angehörige oder Pflegende oder als jemand, der darum „bangt, hoffentlich nicht selbst einmal mit dieser Krankheit geschlagen zu werden“, wie eine ältere Theaterbesucherin ihr Empfinden am Ende ausdrückte.

Was Christine Reitmeier als Mutter Martha und Liza Riemann als ihre Tochter Hannah in intensivem Spiel sensibel, ohne billige Gags, zurückhaltend in Mimik und Gestik auf die Bühne bringen, erzählt auf ehrliche Weise die beängstigende Entwicklung, wie aus der lebenslustigen, selbstbewussten Martha immer mehr eine schwache, total hilfebedürftige alte Frau wird und wie die sie aufopferungsvoll pflegende Hannah ständig mit ihrem Vorsatz zu ringen hat, nicht auf die Mutter, sondern auf die Krankheit wütend zu sein. Ihre Mutter ins Heim zu tun, kommt für Hannah nicht in Frage, aber die Ratschläge der Pflegeprofis, wie sie das Leben der Mutter organisieren könnte, helfen der Tochter nicht wirklich. Wenn es ganz schlimm kommt, ertränkt sie ihren Stress im Alkohol. Durch Briefe, Tagebucherinnerungen und Gebete werden die inneren Befindlichkeiten, die Ängste, Sorgen und Träume von Mutter und Tochter dargestellt. Natürlich gibt es auch etwas zu lachen oder besser zu schmunzeln, etwa wenn Martha im eigenen Wohnzimmer steht und wünscht, endlich nach Hause gebracht zu werden. Tragisch wird es, wenn der Arzt meint, der bereits total erschöpften Hannah Mut zu machen, indem er sagt: „Ihre Mutter hat ein gutes Herz, das noch lange schlagen wird“, während Hanna fleht: „Lieber Gott, bitte nicht - bitte!“

So machte die Aufführung betroffen, sie rührte an, weil sie Missverständnisse und Konflikte, Ängste und Verzweiflung, wechselseitige Verletzungen ehrlich aussprechen lässt und dennoch der Hoffnung und Versöhnung Raum gibt. Martha sagt, Gott habe ihre Gebete, von der Krankheit verschont zu werden, „weil es nicht geht, dass ein Kind die eigene Mutter füttert und wäscht“, zwar nicht erhört, aber er habe ihr eine Tochter wie Hannah geschenkt. Gott möge wenigstens dafür sorgen, dass  Hannah ihr eines Tages verzeiht. Am Ende ist Martha wortlos, sie summt nur noch Melodien aus Kindertagen. Und Hannah verspricht ihr am Totenbett, dass ihre Geschichten bleiben: „Keine Angst, Mama, ich erinnere mich ganz genau.“

Auf der Bühne wird es dunkel, das Publikum schweigt, sehr lange. Erst dann brandet der Beifall auf.

 

Bildunterschrift.

Auch wenn sich Hannah (Liza Riemann) noch so sehr bemüht, die Fotos in den Alben werden für ihre Mutter Martha (Christine Reitmeier) immer inhaltsleerer, wie die Bilderrahmen an der Wand.

 

Foto Peternek

 

Foto: Auch wenn sich Hannah (Liza Riemann) noch so sehr bemüht, die Fotos in den Alben werden für ihre Mutter Martha (Christine Reitmeier) immer inhaltsleerer, wie die Bilderrahmen an der Wand.

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Theaterstück "ICH ERRINNERE MICH GENAU" (09.10.2015)