20 Jahre Hospizgruppe Tettnang

17.10.2014

Tettnang (gp) - Sehr viele Tettnangerinnen und Tettnanger, aber auch Gäste aus Nachbargemeinden waren der Einladung des Hospizvereins zur Feier von „20 Jahre Hospizdienst in Tettnang“ gefolgt. Und sie erlebten eine inhaltlich dichte, Geist und Seele bewegende und auch dem Körper mit einem reichhaltigen Buffet seinen Tribut zollende - kurz eine in allen Teilen stimmige Feier. Von ganz besonderer Aussagekraft war, dass sie durch die musikalischen Beiträge gerade junger Menschen mitgetragen wurde: Durch Georg Grass mit der bewährten Schola von St. Gallus, begleitet von Frau Dr. Bauer-Barthold auf der Querflöte, und durch Gerhard Hartwig, der mit Julian Rudert, Julian Buchholz und Konstantin Haberle ein Trompetenquartett der Musikschule bildete.

Der Festabend begann mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Galluskirche, gestaltet und geleitet von Rudolf Hagmann und Thomas Wagner, den Pfarrern der beiden Kirchengemeinden Tettnangs. Durch alle Texte und die fein darauf abgestimmten Lieder der ergreifenden Liturgie zog sich wie ein roter Faden ein Dreiklang: Angesichts von Leid und Sterben, aber nicht nur dann, fragen Menschen: Wo finden wir Hilfe und Beistand? Wer gibt uns Zuflucht und Kraft? - Die Antwort des Glaubens ist: „Meine Hilfe kommt mir vom Herrn“ (Ps.121), denn er hat sich in der Geschichte Israels und in Jesus Christus als „Jahwe“, d.h. als der Gott „Ich bin bei dir und für dich da“ (Ex 3) geoffenbart. - Aber weil das schneller gesagt als geglaubt ist, weil es in großer  Not und Bedrängnis immer wieder in Frage steht, braucht es Menschen, die diesen Gott durch ihr Dasein und ihr Dableiben erfahrbar machen. Deshalb bezeichnete Pfarrer Hagmann die Sterbebegleiter als „Ausleger des Namen Gottes“. Am Beispiel des gottesfürchtigen Hiob und seiner Freunde aus dem Ersten Testament konkretisierte Pfarrer Wagner in seiner Predigt eindrucksvoll, wie verschlossen der Himmel auch für einen gläubigen Menschen, der Gott um Hilfe anruft, sein kann; wie ein solcher kaum wiederzuerkennen ist für die, die mit ihm klagen und ihn trösten wollen; wie Hiobs Freunde sieben Tage und sieben Nächte lang nichts anderes tun können als bei ihm zu sitzen, ohne ein Wort zu sagen; wie sie nach und nach begreifen, dass auch gut gemeinte Worte weniger angebracht sind als „einfach nur“ da zu sein und da zu bleiben, was aber gar nicht so „einfach“ ist, weil man im Angesicht des Todes vor allem auch die eigene Rat- und Hilflosigkeit „mit aus-halten“ muss. Erst dann gelingt es den Freunden, den Abstand zum leidenden Hiob zu überbrücken und sein Herz zu berühren. Pfarrer Wagner gelang es, schlüssig darzulegen, dass man das Buch Hiob geradezu als „Handbuch für Sterbebegleiterinnen und Sterbebegleiter“ lesen könne.

Der anschließende Stehempfang im Gemeindezentrum wurde nicht nur zum Anstoßen und zur leiblichen Stärkung genutzt, sondern auch als Gelegenheit, sich zu begegnen und sich auszutauschen, was eifrig genutzt wurde. Hermann Reuter meinte treffend, „die Hospizarbeit wird im Stillen getan, mit dem heutigen Abend wird sie so richtig öffentlich“.

Die von den Bläsern intonierte Europafanfare signalisierte, dass es nun im Festakt um Programmatisches gehen wird. Auf die Begrüßung durch den Vorsitzenden des Hospizvereins Reinhold Seibert folgten drei Grußworte, die weit mehr als eine Pflichtübung von Honoratioren waren, weil sie von einer tiefen Kenntnis der Bedeutung der Hospizarbeit zeugten. Dekan Reinhard Hangst nannte die Sterbebegleitung „Lebensbegleitung“. Ihre Wichtigkeit lasse sich daran erkennen, dass diese nur zu 10% aus Medizin und körperlicher Pflege bestehe aber zu 90% aus Hospiz. Co-Dekan Dr. Claß sprach für den evangelischen Kirchenbezirk Ravensburg. Er lobte den ökumenischen Geist, der die Tettnanger Hospizgruppe von Anfang bis heute auszeichnet, und er ermunterte sie, die Leistungen des Hospizdienstes noch bekannter zu machen, damit dem fatale Menschenbild der Verfechter des assistierten Suizides der Boden entzogen werde. Bürgermeister Bruno Walter nannte den Tettnanger Hospizdienst ein ganz herausragendes bürgerschaftliches Engagement, weil er in unserer von Rationalität und Kosten-Nutzen-Analyse, von Leistungsdenken und Jugendkult gekennzeichneten Gesellschaft großartige Zeichen der Mitmenschlichkeit und Nähe setzt, welche für den Bestand eines Gemeinwesens überlebensnotwendig sind. Walter überreichte ein Kuvert mit „ein bisschen Kleingeld“, mit dem die Sterbebegleiterinnen und –begleiter ein Fest ganz für sich ausrichten mögen, was allgemein begeisterte Zustimmung fand. Den Rückblick auf die Erfolgsgeschichte „ 20 Jahre Hospizarbeit in Tettnang“ übernahm ein Mann der ersten Stunde, Diakon Martin Bernhard, der von manchem Treffen nicht nur das Datum, sondern sogar noch die Uhrzeit wusste. Er hob neben manchem Episodischem vor allen auf den tollen Zusammenhalt und Geist ab, der in der „Truppe“ immer herrschte. Susanne Kränzle vom Vorstand des deutschen und des baden-württembergischen Hospiz- und Palliativverband ging es in ihrem Festvortrag „Hospiz und Gesellschaft“ vor allem um die Haltungen und Werte, mit denen in der Hospizarbeit den sterbenden Menschen begegnet wird. Ambulante und stationäre Hospizarbeit sowie Palliativmedizin bezeichnete sie als „letztverlässliche“ Garanten für die Menschenwürde und Selbstbestimmung des Menschen, damit sich niemand „aus ökonomischen, sozialen oder anderen Gründen gedrängt oder verpflichtet fühlt, sich selbst abschaffen zu müssen oder zu lassen“. Ein vielleicht hart erscheinendes, aber unmissverständlich klares Wort.

Zum Schluss bat die zweite Vorsitzende des Hospizvereins, Dr. Irmgard Schickel alle anwesenden Sterbebegleiterinnen und Sterbebegleiter der Tettnanger Hospizgruppe, auch solche der ersten Stunde, die wegen ihres Alters vom aktiven Dienst freigestellt sind, zur Übergabe einer Dankesrose nach vorn.

Quelle: Schwaebische Zeitung

 

Bildunterschrift (Foto gp)

Die Damen und Herren der Tettnanger Hospizgruppe, von denen einige schon seit 20 Jahren den Dienst bei den Sterbenden und ihren Angehörigen tun. Leider konnten bei der „Geburtstags“- Feier nicht alle dabei sein.

 

Bild zur Meldung: Die Damen und Herren der Tettnanger Hospizgruppe, von denen einige schon seit 20 Jahren den Dienst bei den Sterbenden und ihren Angehörigen tun. Leider konnten bei der „Geburtstags“- Feier nicht alle dabei sein. Foto: Günther Peternek

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20 Jahre Hospizarbeit in Tettnang und Umgebung (17.10.2014)